Wir schlafen, wenn wir tot sind.

Steht auf einem Poster im Büro. Zwischen dem Motivationszitat über den Montag und dem Obstkorb, den seit drei Wochen niemand angerührt hat, weil ja keine Zeit ist. Und irgendwie haben wir das alle geglaubt.
Wir schlafen, wenn wir tot sind. Wir machen Pause, wenn alles erledigt ist. Wir leben, sobald wir das hier hinter uns haben. Nur dass das hier nie aufhört.
Du funktionierst. Wahrscheinlich sehr gut. Verlässlich, belastbar, immer da. Du lieferst. Für die Arbeit, für die Familie, für die Freunde, für den GruppenChat, der um 23 Uhr noch Fragen stellt.
Es gibt einen Satz, den ich immer wieder höre, meistens sehr beiläufig, so als wäre es eine lustige Beobachtung:
Ich weiß eigentlich gar nicht, wer ich bin, wenn ich nicht gerade für irgendjemanden etwas tue.
Und dann schauen die Menschen mich an. Und da ist dieser Moment, in dem sie merken, dass sie gerade etwas sehr Ernstes gesagt haben. Vielleicht kennst du diesen Satz. Vielleicht ist er auch deiner.
Am Ende des Tages, wenn alle gegangen sind und die Stille kommt, ist da dieses Gefühl. Schwer zu benennen. Keine echte Traurigkeit. Keine Wut. Eher eine Leere, die sich seltsam anfühlt, weil du doch eigentlich alles hast.
Und weil das keinen Sinn macht, weil du keinen Grund hast, so zu fühlen, machst du das Einzige, das du kennst. Du öffnest den Laptop. Oder scrollst. Oder organisierst etwas, das nicht dringend ist. Hauptsache beschäftigt. Hauptsache nicht fühlen.
Du funktionierst einfach weiter.
Wir leben in einer Kultur, die Erschöpfung als Persönlichkeitsmerkmal verkauft. Ich schlaf, wenn ich tot bin hängt als Poster. Selbstoptimierung ist ein Vollzeitjob. Auszeit nehmen ist erlaubt, wenn man danach effizienter zurückkommt.
Niemand fragt wirklich: Wie geht es dir, wenn du aufhörst zu funktionieren?
Weil die meisten Antworten darauf unbequem sind. Weil hinter dem Funktionieren manchmal ein Mensch sitzt, der sich selbst seit Jahren abhanden gekommen ist – und das erst merkt, wenn die Stille zu laut wird.
Ich habe Menschen erlebt, die das erst durch einen Zusammenbruch begriffen haben. Einen Burnout. Eine Trennung. Eine Krankheit, die den Körper zwingt, was der Kopf nie erlaubt hätte: Pause.
Und dann, in dieser erzwungenen Stille, zum ersten Mal seit Jahren die Frage: Wer bin ich eigentlich, wenn ich nicht funktioniere?
Das ist kein schöner Moment. Er ist trotzdem oft der wichtigste des Lebens. Weil er zeigt: Du bist mehr als das, was du leistest. Und dieser Mehr-Anteil wartet schon eine Weile.
Du musst keinen Zusammenbruch brauchen. Du kannst heute anfangen. Mit einer ehrlichen Frage, die du dir wirklich beantwortest, nicht mit dem, was vernünftig klingt.
Was brauche ich gerade, als Mensch?
Nicht als Kollegin. Nicht als Mutter, als Partner, als Freund. Als Mensch. Jetzt. Heute. Bevor der nächste Chat aufpoppt.
Wenn du weißt, was das ist: gib es dir. Das ist kein Luxus. Das ist der Anfang von allem.
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