Das mit dem Kind

Du kennst diesen Moment. Jemand sagt irgendetwas. Nicht mal etwas Schlimmes. Eine Kleinigkeit. Und in dir geht etwas hoch, das viel zu groß ist für die Situation.
Vielleicht sagst du nichts. Vielleicht sagst du doch etwas und bereust es sofort. Oder du fährst eine Stunde später nach Hause und weißt selbst nicht genau, warum dir die Augen brennen.
Das warst nicht du als Erwachsener. Das war das Kind in dir. Und es hatte heute Abend offensichtlich noch etwas zu sagen.
Ein großer Teil dessen, was du heute in Beziehungen tust, in Konflikten, im Umgang mit dir selbst, kommt nicht von dir als Erwachsenem. Es kommt von einem Kind, das irgendwann Schlüsse gezogen hat. Über sich. Über andere. Über das, was nötig ist, um sicher zu sein und geliebt zu werden.
Das Kind hat diese Schlüsse nicht falsch gezogen. Es hat genau das gemacht, was in seiner Situation richtig war. Das Problem ist, dass du diese Schlüsse nie aufgekündigt hast. Weil du nicht wusstest, dass du es kannst.
Es braucht kein Drama, um Wunden zu hinterlassen. Meistens kommen sie durch das, was sich wiederholt hat. Durch das, was normal war.
Stell dich nicht so an. Hundertmal gesagt, und das Kind lernt: Meine Gefühle sind zu viel. Besser verstecken.
Ich bin enttäuscht von dir. Oft genug gehört, und das Kind lernt: Ich bin nur gut genug, wenn ich die Erwartungen erfülle. Fehler sind gefährlich.
In dieser Familie reißt man sich zusammen. Und das Kind lernt: Wer Schwäche zeigt, verliert. Also zeigt man keine.
Das Kind ist klug. Es passt sich an. Es funktioniert. Und dann wird das Kind vierzig. Hat einen guten Job, vielleicht eine Familie, vielleicht beides. Und wundert sich, warum es immer noch nicht Nein sagen kann, ohne sich danach tagelang schlecht zu fühlen. Warum es bei einer harmlosen Kritik innerlich zusammenbricht. Warum es nachts manchmal einfach so weint und keine Ahnung hat, where das kommt.
Erkennst du dich hier?
Du bist anderen gegenüber unendlich verständnisvoll. Wenn ein Freund einen Fehler macht, sagst du: Das passiert doch jedem. Wenn du selbst einen Fehler machst, kommentiert Bullshit FM das noch drei Tage später in einer Dauerschleife.
Du kannst Lob nicht einfach annehmen. Jemand sagt, du hast etwas toll gemacht, und du sagst sofort: Ach, das war doch nichts Besonderes. Nicht aus Bescheidenheit. Aus echter innerer Überzeugung, dass es nicht stimmen kann.
Du wirst in bestimmten Momenten getriggert und weißt selbst nicht warum. Ein Tonfall. Das Gefühl, übersehen zu werden. Eine Kritik, die sachlich gemeint ist und sich trotzdem anfühlt, als würde sie dich als ganzen Menschen in Frage stellen.
Das ist nicht Überempfindlichkeit. Das ist ein altes Muster, das einen neuen Auslöser gefunden hat.
Ich sage dir nicht, dass du in die Vergangenheit musst oder deine Eltern verurteilen sollst. Ich sage dir: Verstehen, woher etwas kommt, verändert, wie viel Macht es über dich hat.
Das nächste Mal, wenn in dir eine Reaktion kommt, die unverhältnismäßig groß ist für den Moment, stell dir eine einzige Frage: Wie alt fühle ich mich gerade?
Die Antwort ist meistens nicht vierzig. Meistens ist sie acht. Oder zwölf. Oder fünf.
Und in dem Moment kannst du dem Kind in dir das geben, was es damals gebraucht hätte und nicht bekommen hat. Nicht Mitleid. Nicht Drama. Einfach das: Ich sehe dich. Du bist hier sicher. Ich lasse dich nicht damit allein.
Das verändert etwas. Nicht sofort. Nicht dramatisch. Aber unwiderruflich.
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