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    Das letzte Stück Pizza

    Das letzte Stück Pizza

    Ich fange mit etwas Banalem an. Absichtlich.

    Du sitzt mit Menschen zusammen. Es gibt Pizza. Oder Kuchen. Oder das letzte Stück von irgendetwas, das gut war. Du willst es. Wirklich. Du schaust es an. Du denkst kurz: Das nehme ich mir.

    Und dann sagst du: Nein, nein, nehmt ihr.

    Du schaust, wie jemand anderes es nimmt. Du lächelst. Von außen entspannt. Von innen, ganz leise, so ein Gedanke: Warum hab ich das schon wieder getan?

    Und dann isst du die Reste vom Rand des Kartons. Natürlich.

    Das ist eine Kleinigkeit. Ich weiß. Das Problem ist nicht das Pizzastück. Das Problem ist, dass sich diese Szene durch dein Leben zieht wie ein roter Faden, der überall auftaucht, wo du eigentlich etwas willst und stattdessen sagst: Nein, nein, nehmt ihr.

    Du gibst ab. Ständig. Das letzte Stück. Den letzten Platz. Die Meinung, die du lieber schluckst. Das Bedürfnis, das du nicht aussprichst. Das Nein, das du mit einem Lächeln übersetzt.

    Und du nennst das Rücksicht. Du nennst das Bescheidenheit. Du nennst das: Ich bin kein Mensch, der immer an sich denkt.

    Stimmt. Du denkst kaum an dich. Das ist das Problem.


    Selbstliebe ist eines der missverstandensten Wörter überhaupt. Es klingt nach Selfies mit Morgenglühen, nach Affirmationen, die man sich vor dem Spiegel sagt, während man innerlich die Augen verdreht. Ich bin wunderschön und ich verdiene alles Gute. Und dann geht man in die Küche und trinkt den schlechten Kaffee, weil man vergessen hat, den guten zu kaufen. Für sich selbst.

    Das ist nicht Selbstliebe. Das ist Theater.

    Echte Selbstliebe sieht unspektakulär aus. Sie sieht aus wie: Du sagst, was du brauchst. Du nimmst, was dir angeboten wird. Du setzt eine Grenze, ohne dich dafür drei Tage lang zu erklären und zu entschuldigen. Du nimmst das letzte Stück Pizza, wenn du es willst, ohne Schuldgefühle, ohne Performance, einfach weil du Hunger hast und es da ist.

    Sie sieht aus wie die Art, wie du mit dir sprichst, wenn niemand zuhört. Ob Bullshit FM läuft oder ob da eine Stimme ist, die sagt: Das war gut. Du hast das geschafft. Du bist okay.


    Woher kommt das Vergessen von sich selbst?

    Die meisten Menschen, die sich ständig hintenanstellen, haben gelernt, dass das Liebe bedeutet. Irgendwann, irgendwo, war Selbstlosigkeit das, was Zugehörigkeit gebracht hat. Vielleicht war da ein Elternteil, das selbst so viel gebraucht hat, dass du früh angefangen hast, für seine Stimmung verantwortlich zu sein. Vielleicht hat Nein sagen immer eine Reaktion ausgelöst, die sich nicht lohnte.

    Also hast du aufgehört zu fragen, was du willst. Du hast angefangen zu fragen, was der Moment verlangt. Was andere brauchen. Was am wenigsten Aufruhr erzeugt.

    Das war klug damals. Es kostet dich heute alles.


    Eine Frage, die du wirklich beantworten sollst: Wo übergehe ich mich heute, und nenne das Stärke?

    In welchem Gespräch schluckst du gerade die Wahrheit? Welches Bedürfnis hast du zuletzt gehabt und sofort für unrealistisch erklärt?

    Kein Mensch auf dieser Welt kann dir geben, was du dir selbst nicht gibst. Nicht auf Dauer. Nicht wirklich. Wer aus Erschöpfung gibt, gibt Erschöpfung weiter. Wer aus Fülle gibt, gibt Fülle weiter.

    Der Unterschied beginnt damit, dass du dir erlaubst, das letzte Stück Pizza zu nehmen.

    Geschrieben von Julia Kumpf am 15. März 2026

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